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Freitag 01. Oktober 2010

LBBW international

 
Einkauf im Veränderungsprozess
 
Einkauf und Beschaffung sind heute zentrale Management-Funktionen. Spätestens durch die 2007 begonnene Wirtschafts- und Finanzkrise haben Unternehmen erkannt, dass die Supply Chain eine herausragende Rolle zur Erreichung von Umsatz- und Gewinnzielen spielt. Was werden die Herausforderungen von morgen für ein exzellentes Supply Chain Management sein?
 

Von Gerd Kerkhoff

Seit der Entdeckung des Einkaufs als zentrale Management-Aufgabe in den neunziger Jahren steht vor allem eine zentrale Aufgabe im Mittelpunkt des Supply Chain Managements (SCM): die Identifizierung von Kostentreibern in der Lieferkette und die Senkung von Kosten für Waren und Dienstleister. Diese Aufgabe wird auch zukünftig eine der wichtigsten Tätigkeiten für jede Einkaufsabteilung bleiben. Es zeichnen sich jedoch vier große Trends ab, welche die Arbeitswelt für heutige Beschaffungsexperten in den kommenden Jahren grundlegend beeinflussen werden. Dieser Aufsatz stellt im Folgenden diese vier Trends dar und erläutert, was dies für Einkäufer bedeutet.

Trend 1: Einkauf als Steuerungsfunktion.

Der Einkäufer des Jahres 2020 wird seine Lieferketten nicht nur noch ausschließlich auf Kostentreiber analysieren, um die Betriebsausgaben senken zu können. Vielmehr fällt ihm die Aufgabe zu, in den Lieferketten innovative Partner, Produkte und Werkstoffe zu identifizieren, die wiederum für die eigene Produktion Innovationsmotor sein können. Auf Basis der in der Lieferkette zur Verfügung gestellten Produkte und Dienstleistungen leitet die Produktion das Design neuer Produkte ab. Dies stellt die Einkaufswelt auf den Kopf: Hat vorher die Produktion den Einkauf damit beauftragt, die Bauteile für die eigens erdachten Produkte zu bestellen, kommt nun die Herstellungsidee aus dem Einkauf heraus. Eine Denkweise, die von vielen Unternehmen bisher vollständig vernachlässigt worden ist - obwohl sie ein ungeahntes Innovationspotenzial liefert. Lieferanten werden damit zu Partnern, mit denen gemeinsam Verkaufserfolge zu erzielen sind.

Weiterhin ist der Trend zu beobachten, dass die Laufzeiten von Projekten und Produktzyklen sich zunehmend verkürzen. Darauf muss auch das SCM eines Unternehmens reagieren. Einkäufer müssen für die Beschleunigung der materiellen Logistik neue Konzepte erarbeiten. Zwischen Fabriken ist und bleibt die durchschnittliche Geschwindigkeit etwa 15 Kilometer pro Stunde, innerhalb von Fabriken liegt sie bei rund einem Meter pro Tag. Dazu wird es nötig sein, den Einkauf zentral bei der Geschäftsleitung zu verankern, damit er an allen Entscheidungsprozessen zur Produktgestaltung beteiligt wird.

Trend 2: Nachhaltigkeit wird zentrales Bewertungskriterium.

Nach einer Umfrage von Kerkhoff Consulting halten im August 2009 noch 61 Prozent der Einkaufsmanager Green Procurement (Grüne Beschaffung) für ein Modewort - und verkennen damit einen Zukunftstrend, der nicht mehr aufzuhalten ist. Dies hat vor allem vier Gründe. Erstens hat sich die Kaufneigung der Verbraucher - vor allem im Bereich der Nahrungsmittel - hin zu ökologischen und nach ethischen Standards gefertigten Produkten verstärkt. Auch Discounter bieten heute Öko-Ware an. Zweitens verstärken staatliche und nicht staatliche Institutionen den Druck auf Unternehmen, nachhaltig zu handeln. Drittens lassen sich - zum Beispiel bei der Einsparung von Rohstoffen - handfeste Kostenvorteile erzielen. Und viertens hat sich sogar der Kapitalmarkt bereits des Themas Nachhaltigkeit angenommen, wie der DowJones Sustainability Index zeigt.

Für Einkäufer bedeutet dies, dass sich das Dreieck aus Preis, Qualität und Service um das Bewertungskriterium Nachhaltigkeit erweitert. Einkaufsmanager werden im Jahr 2020 die gesamte SCM auf Nachhaltigkeit überprüfen, sie werden damit zu „Urnweltmanagern“, die Kennzahlen erarbeiten müssen, welche Kostenvorteile durch nachhaltiges Handeln entstehen. Zunehmend müssen sie sicherstellen, dass Öko-Label nicht aufgrund von Problemen in der SCM verwehrt werden.

Trend 3: Nicht Vakanz, sondern Bedarf bestimmt die Einstellungspolitik.
In der Rekrutierung von Personal ist aufgrund des internationalen Wettbewerbs um Spitzenkräfte und des demografischen Wandels ein Paradigmenwechsel zu erwarten: Es ist nicht mehr die Vakanz, die das Wirken von Personalabteilungen leitet, sondern der künftige Bedarf. Bei Einkäufern und SC-Managern wird dies noch einmal dadurch verstärkt, dass es bis heute nur mangelhafte Ausbildungsmöglichkeiten in diesem Bereich gibt. Um die wenigen gut ausgebildeten Einkäufer wird ein Wettbewerb entstehen, der für Methoden des Vertriebs geführt werden wird. Künftig bemühen sich Unternehmen im Rahmen eines Customer Relationship Managements (CMR) nicht nur verstärkt um ihre Kunden, sondern vor allem auch um ihre ehemaligen, aktuellen und zukünftigen Mitarbeiter.

Aufgrund der hohen Transparenz über mögliche Arbeitgeber, die das Internet bietet, ist es für Arbeitgeber in Zukunft essenziell, als guter Arbeitgeber wahrgenommen zu werden, um Spitzenkräfte anzuziehen. Aufgrund der dünneren Personaldecke im Bereich Einkauf werden Unternehmen zukünftig stärker darauf abstellen, eigene junge Fachkräfte auszubilden. Dazu wird es zu einer Verlagerung des Bewertungsmaßstabs in Richtung „Potenzial anstelle von Kompetenz“ kommen.

Trend 4: Einkäufer werden Risikomanager.
Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass die Ressourcen im Jahr 2020 weiter abgenommen haben. Gleichzeitig treten mit Staaten wie China und Indien bereits heute Länder in den Nachfragemarkt, welche die Preise von Rohstoffen und damit auch der Energie weiter in die Höhe treiben. Ein weniger typisches Beispiel: Der Absatz biologischer Produkte wächst, aber das Rohstoffangebot weitet sich nur langsam aus. Während sich der Umsatz von Bioprodukten in Europa seit 1999 nahezu verdreifacht hat, haben sich die Bioflächen nur verdoppelt. Dies alles führt zu einer Schwächung der Nachfrage. Darum müssen Einkäufer von morgen nicht nur darauf achten, den richtigen Lieferanten auszuwählen, sondern selbst eine Auswahl seitens der Lieferanten bestehen.

Dies erfordert die Einführung eines sensiblen Risikomanagements, welches Versorgungssicherheit herstellt, auch bei dem Ausfall eines wichtigen Lieferanten. Kluge Einkäufer erkennen diese Herausforderungen aber nicht als Bedrohung, sondern sehen diese als Chance zur Professionalisierung! Es gilt bereits heute, die eigene Lieferkette auf die ausgeführten Punkte zu überprüfen und Veränderungsmaßnahmen einzuleiten, um langfristig den Unternehmenswert zu steigern. Wer Themen wie Grüne Beschaffung oder Expertenrekrutierung heute als Mode bezeichnet, wird spätestens in zehn Jahren nicht mehr wettbewerbsfähig sein.