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Dienstag 06. September 2011

Handelsblatt News am Abend

 
Mittelständler kaufen schlechter ein als Konzerne
 
Einkauf nicht ausreichend in interne Entscheidungsprozesse eingebunden
 

Rund ein Drittel der deutschen Mittelständler führen keine standardisierten Lieferantenbewertungen sowie regelmäßige Besuche und Audits bei ihren Lieferanten durch. Damit liegen sie gegenüber Großunternehmen und Konzernen weit zurück, von denen mehr als 80 % aller Unternehmen ihre Lieferanten systematisch kontrollieren. Dies kann für den Mittelstand zu deutlichen Wettbewerbsnachteilen führen. Das hat eine aktuelle Befragung von 501 Entscheidern der deutschen Wirtschaft durch das Institut für Demoskopie Allensbach und das Kerkhoff Competence Center of Supply Cham Management der Universitat St. Gallen ergeben. Die Steuerung der Lieferanten ist nach wie vor Hauptjob jeder Einkaufsabteilung.

Auch andere, vor allem strategische Bereiche, werden beim Mittelstand vernachlässigt. Noch dramatischer als im Lieferantenmanagement ist der Unterschied im Umgang mit dem Risikomanagement. Gerade einmal 14% der Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern verfügen über ein Risikomanagementsystem im Einkauf, bei Firmen mit mehr als 1.000 Angestellten sind es 47%. Damit werden die Mittelständler den Anforderungen der heutigen Zeit nicht gerecht. Zuletzt hat das Unglück in Fukushima gezeigt, wie ein fernes Ereignis die Lieferketten der ganzen Welt bedrohen kann. Unternehmen, die in einem Risikomanagementsystem auch Katastrophenszenarien antizipiert und Lösungsmodelle vor dem Beginn einer Krise entwickelt haben, tun sich in einem solchen Szenario leichter, auf alternative Lieferanten umzuschwenken.

Bei der Einbindung der Einkaufsabteilung in die Produktion sind Mittelstand und Großindustrie ungefähr auf dem gleichen Stand: 65 % haben Schnittstellen mit der Produktion geschaffen. Anders sieht dies bei der Produktentwicklung aus: Die Hälfte der Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern bindet den Einkauf bereits „stark“ oder „sehr stark“ in die Entwicklung von Produkten mit ein. Bei Unternehmen unter 250 Mitarbeitern hat dies nur ein Drittel getan. Mittelständlern, die noch keine ausreichenden Schnittstellen geschaffen haben, entgeht großes Einsparpotenzial. Denn nur der Einkäufer, der mit am Tisch sitzt, kann bereits in der Planungsphase die besten Lieferanten im Kosten-/Nutzenverhälrnis für bestimmte Bauteile identifizieren. Werden die Bauteile hingegen erst ex Post von den Produktplanern vorgegeben, können Einkäufer nur noch als Bestellabwickler fungieren. Die Möglichkeit, strategisch Einfluss zu nehmen und damit Kosten zu senken, wird vermindert.

Produktkostenkalkulation und Wertanalyse als modernes Einkaufstool nutzt durchschnittlich erst jedes fünfte Unternehmen. Mit Hilfe dieser Technik wird es Firmen ermöglicht, genaue Herstellungspreise der von ihnen bezogenen Waren zu schätzen und somit wesentlich schlagkräftigere Lieferantenverhandlungen zu führen. Auch hier wird der Unterschied zwischen Klein und Groß deutlich: 13% der Mittelständler verfügen über ein „Cost-Breakdown-Tool“, bei den großen Unternehmen ist es rund ein Drittel.

Es ist festzustellen, dass auch große Unternehmen weiterhin Optimierungsbedarf habe n und Potenzial ungenutzt liegen lassen Nur die Hälfte verfügt über ein Risikomanagementsystem, die Einkaufsabteilung ist nicht ausreichend in interne Entscheidungsprozesse eingebunden — auch moderne Tools wie die Produktkostenanalyse nutzen noch lange nicht alle. Aber es ist auch zu konstatieren: In jedem Bereich sind die „Großen“ den „Kleinen“ eine Nasenlänge voraus. Um dieses Duell „David gegen Goliath“ in Zukunft nicht mit Abstand zu verlieren, sollte der deutsche Mittelstand jetzt handeln und seinen Einkauf nachhaltig professionalisieren.

Gerd Kerkhoff, Kerkhoff Consulting