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Dienstag 30. November 2010

Handelsblatt News am Abend

 
Lieferengpässe durch gezieltes Risikomanagement vermeiden
 
Versorgungssicherheit für viele Einkaufsleiter große Herausforderung
 

Von Martin Kotula

Wieder steigende Auftragseingänge führen zu erheblichen Problemen in der Versorgungssicherheit. Ein Grund für diese Allokationsprobleme ist, dass Produktionskapazitäten während der Krise signifikant reduziert wurden. Im gleichen Zug mussten Lagerbestände abgebaut werden. Nun stehen viele Unternehmen vor dem Problem, die Produktionskapazitäten im gleichen Tempo wieder aufbauen zu müssen. Teilweise kommt es zu Lieferengpässen, die besonders Unternehmen tangieren, die kein Risikomanagement implementiert haben. Schon ein fehlendes Teil kann die Produktion zum Stillstand bringen. Das Unternehmen kann dann Liefertermine nicht einhalten, die Reputation wird in Mitleidenschaft gezogen und Kunden ziehen Bestellungen zurück.

Muss das Unternehmen auf einen Ersatzlieferanten zurückgreifen, sind erhöhte Preise keine Seltenheit. Um Lieferengpässe frühzeitig antizipieren und abfangen zu können, muss der Einkauf das Risikomanagement übernehmen. Dazu gehören die Implementierung von Frühwarnindikatoren, Notfallpläne sowie ein strategisches Lieferantenmanagement. Bisher vernachlässigen die Unternehmen diese Instrumente zu oft. Dies belegt eine gemeinsame Studie von Kerkhoff Competence Center of Supply Chain Management und dem Institut für Demoskopie Allensbach: 57% der befragten Unternehmen räumen ausdrücklich ein, in ihrem Einkauf keine solchen Instrumente zu verwenden. Nur 12% nutzen ein Risikomanagement im engeren Sinn.

Um einen Lieferengpass frühzeitig erkennen zu können, muss die Planbarkeit erhöht werden. Dazu gehört die kontinuierliche Beobachtung der Beschaffungsmärkte über mehrere Kanäle. Zum Beispiel über Online-Datenbanken, Fachzeitschriften und Verbände, aber auch durch den Besuch von Fachtagungen oder Messen. Diese Beobachtungen können langfristig die optimale Versorgung des Unternehmens sicherstellen, etwa indem es den Beschaffungsradius ausweitet und neue Quellen erschließt. Gleichzeitig gilt es im Falle einer Allokationskrise zu bewerten, ob es für das entsprechende Produkt adäquaten Ersatz gibt.

Ist es bereits zum Lieferengpass gekommen, müssen Unternehmen Notfallpläne bereit halten, um gegensteuern zu können. Im Falle einer Allokationskrise muss der Einkauf sehr schnell umschalten und verstärkt operative Tätigkeiten umsetzen, damit die Versorgungssicherheit sichergestellt wird. Dazu gehören regelmäßige Telefonate mit Lieferanten, die Anpassung von Lieferplänen, die Suche nach Alternativen sowie Preisverhandlungen. In dringenden Fällen muss der Einkäufer sich auch auf dem Spotmarkt umsehen, um kurzfristig gegen entsprechenden Aufpreis Waren zu beschaffen. Eine kaufmännische Abwägung zwischen Mehrkosten und Produktionsausfallkosten ist unerlässlich.

Der größte Einflussfaktor, um einen Lieferengpass abwenden zu können, ist das strategische Lieferantenmanagement. Meist sind die wichtigsten Warengruppen und Lieferanten jene, die bei einem Lieferengpass die gesamte Produktion zum Stillstand bringen können.
Besonders zählen dazu Bauteile, die nur von einem oder wenigen Lieferanten bezogen werden können. Es ist essenziell, mit diesen Lieferanten strategische Partnerschaften einzugehen. Wenn Lieferanten z.B. in Forschung und Entwicklung einbezogen werden, bringt das nicht nur besondere Produkte hervor. Eng miteinander verbundene Partner kennen die Stärken und Schwächen des anderen und können in kritischen Lagen besser gegensteuern. Weiterhin sind eng an das Unternehmen gebundene Lieferanten durch strategische Vorteile daran interessiert, den Partner weiterhin ohne lange Lieferzeiten zu beliefern. Einige Lieferanten richten nämlich ihre Produktionspläne nach Umsätzen und Deckungsbeiträgen aus. Da kann es besonders bei spezifischen Teilen schon einmal vorkommen, dass ein größerer Auftrag vorgezogen wird. Grundsätzlich empfiehlt es sich, auf mehrere Lieferanten pro Warengruppe zu setzen (Multi-Sourcing-Strategie). So kann das Unternehmen bei möglichen Lieferausfällen auf einen anderen Lieferanten zurückgreifen.

Auch im Hinblick auf die zunehmende Zahl von Lieferanten-Oligopolen, die die Mehrheit der Unternehmen als große Herausforderung für die Zukunft ansieht, wird dies immer wichtiger. Lieferengpässe werden in Zeiten steigender Auftragszahlen weiterhin ein Problem sein. Hersteller und Distributoren agieren weiterhin vorsichtig. Sie gehen davon aus, dass noch signifikante theoretische Bedarfsmengen im Markt sind und es weiterhin zu Überraschungsbestellungen kommen kann. Für viele Einkaufsverantwortliche ist die Versorgungssicherheit eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre.