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Mittwoch 06. Oktober 2010

Automobilwoche Sonderheft

 
Beschaffung bleibt unter Druck
 
Laut einer Kerkhoff-Studie sehen sich die Einkaufsleiter von Zulieferern nach dem Krisenjahr 2009 mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert.
 

Von Klaus-Dieter Flörecke

Wie ist es um den Einkauf bei den Zulieferern bestellt und vor welchen Herausforderungen steht die Branche? Im Auftrag der Unternehmensberatung Kerkhoff Consulting aus Düsseldorf hat das Institut für Demoskopie Allensbach im Juli 2010 zu dieser Thematik insgesamt 106 Einkaufsverantwortliche mittlerer und großer Zulieferunternehmen in Deutschland befragt Dabei zeigte der Vergleich, dass die Mehrheit der befragten Einkaufsverantwortlichen die Herausforderungen für die gesamte Branche als größer einschätzen als für das eigene Unternehmen. Beispiel Produktpiraterie: Zwar sehen dieses Thema 62 Prozent der Befragten als wachsendes Problem für die Branche, aber nur 32 Prozent als Problem für das eigene Unternehmen. Ein wissenschaftlicher Kommentar zur Studie von Mitarbeitern des Lehrstuhls für Logistikmanagement der Universität St. Gallen sowie des Kerkhoff Competence Centers of Supply Chain Management erklärt die unterschiedliche Wahrnehmung damit, dass die höhere Gefahreneinstufung für die Branche unter anderem in der „überbewerteten Thematisierung der Produktpiraterie in den Medien“ liegen könnte.

Die Untergrenze der befragten Zulieferer lag bei 50 Beschäftigten oder einem Jahresumsatz von zehn Millionen Euro. 43 der befragten Unternehmen setzen mehr als 100 Millionen Euro jährlich um und bildeten damit die größte Einzelgruppe in der Untersuchung. Eine große Streuung zeigte sich bei der Anzahl der Unterlieferanten. Rund ein Drittel der untersuchten Zulieferer arbeitet mit höchstens zehn Lieferanten zusammen, so das Ergebnis des Instituts vom Bodensee. Rund 15 Prozent verfügen hingegen über 100 und mehr Lieferanten.

Nach dem für viele Unternehmen sehr schwierigen Jahr 2009 blicken viele Zulieferer wieder optimistischer in die Zukunft. Fast drei Viertel der Einkaufsverantwortlichen erwarten, dass es mit der Branche in den nächsten zwölf Monaten bergauf gehen wird. Nur zwei Prozent der Befragten befürchten einen Abschwung. Die Erwartungen für das eigene Unternehmen sind tendenziell sogar noch optimistischer.

Die Einkaufsleiter bei den Zulieferern in Deutschland rechnen insgesamt damit, dass sich die Bedingungen in der Beschaffung in den kommenden zehn Jahren in vielen Bereichen ändern werden. 87 Prozent der Befragten gehen von deutlich steigenden Rohstoff-, 84 Prozent von deutlich steigenden Energiepreisen aus. Einen steigenden Preisdruck vonseiten der Fahrzeughersteller erwarten 86 Prozent, eine Verschärfung der Einkaufskonkurrenz durch aufstrebende Märkte 83 Prozent der von Allensbach befragten Zulieferer.

Rund drei Viertel (76 Prozent) der Einkaufsleiter sind davon überzeugt, dass es wichtiger werden wird, darauf zu achten, dass die eigenen Lieferanten soziale Standards einhalten, also beispielsweise auf Kinderarbeit verzichten. Zudem rechnen 72 Prozent damit, dass sie künftig verstärkt Materialien und Zulieferteile aus Ländern und Regionen beziehen, in denen sie bislang keine Lieferanten hatten. Derzeit beziehen die mittelgroßen und großen Zulieferer durchschnittlich knapp zwei Drittel ihres Einkaufsvolumens aus dem eigenen Land. Elf Prozent werden in asiatischen Ländern eingekauft.

Sorgen bereitet den Lieferanten das Finanzierungsthema. Jeweils knapp zwei Drittel der Einkäufer erwarten, dass eine restriktivere Kreditvergabe von Banken in Zukunft den Beschaffungsprozess erschweren wird (65 Prozent), dass es zu einer Oligopolbildung bei ihren Lieferanten kommt (64 Prozent) und dass Produktpiraterie zu einem zunehmenden Problem für die Branche wird (62 Prozent). Die Hälfte sieht daneben vermehrt Schwierigkeiten, die pünktliche Belieferung durch die eigenen Lieferanten sicherzustellen.

Doch welche Folgen werden die veränderten Rahmenbedingungen für die Zulieferer haben? Bei der Frage nach den größten strategischen Herausforderungen für die Beschaffung in der Branche in den kommenden zehn Jahren nennen die Einkaufsverantwort]ichen am häufigsten steigende Kosten und Preise (25 Prozent) sowie die Globalisierung und Internationalisierung des Einkaufs (24 Prozent). Sich am Markt zu behaupten geben 16 Prozent als größte Herausforderung an, und 15 Prozent nennen neue Technologien wie Elektroantriebe, auf die es sich einzustellen gelte. Daneben werden von deutlich kleineren Anteilen der Befragten andere strategische Herausforderungen als zentral genannt. Insgesamt konstatieren die Marktforscher von Allensbach, dass die Nennungen breiter streuen als bei vergleichbaren Untersuchungen in anderen Branchen. Laut Institutsangaben scheint die Wahrnehmung der zentralen strategischen Herausforderungen unter den Einkaufsverantwortlichen weniger klar und einheitlich zu sein als etwa in der Maschinenbauindustrie.

Als größte strategische Herausforderungen für den Einkauf im eigenen Unternehmen werden ebenfalls vor allem die steigenden Kosten und Preise (23 Prozent) sowie die Globalisierung des Einkaufs (18 Prozent) genannt. Danach folgen die Sicherung von Rohstoffen auf dem Beschaffungsmarkt (16 Prozent), die Behauptung von Absatzmärkten (14 Prozent) sowie der zunehmende Preis- beziehungsweise Kostendruck seitens der Kunden (11 Prozent).

Dabei hängt es jedoch von der Unternehmensgröße ab, welche Herausforderung von den Einkaufsverantwortlichen als größer wahrgenommen wird. Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro nennen deutlich häufiger die Globalisierung und Internationalisierung des Einkaufs als eine Herausforderung, die sie direkt betrifft, als die kleineren Zulieferer. Bei Allensbach wird daher vermutet, „dass das Problembewusstsein in dieser Frage in den kleinen Unternehmen noch weniger weit entwickelt ist“. Unternehmen mit einem Jahresumsatz von unter 50 Millionen Euro nennen als künftige Herausforderungen dagegen häufiger Kosten- und Preissteigerungen, steigenden Kostendruck sowie die Notwendigkeit, sich auf den Märkten zu behaupten.

Doch was tun die Unternehmen, um die Mitarbeiter im Einkauf auf die zukünftigen Herausforderungen vorzubereiten? Laut Untersuchung ist dabei die Qualifizierung der Beschäftigten durch Weiterbildungsmaßnahmen ein wichtiges Element. 60 Prozent der Einkaufsverantwortlichen schätzen solche Maßnahmen als „sehr wichtig“ ein, weitere 37 Prozent als „wichtig“. Nur drei Prozent halten eine bessere Qualifizierung für „weniger wichtig“. Insgesamt bieten 88 Prozent der Unternehmen ihren Mitarbeitern Schulungsmaßnahmen an.

Auf eine schriftlich fixierte Einkaufsstrategie als Grundlage für die tägliche Arbeit können bei mittelgroßen und großen Zulieferern zwar 80 Prozent der Einkäufer zurückgreifen, doch gibt es bei immerhin 20 Prozent der Unternehmen keine schriftlich festgehaltene Beschaffungsstrategie. Zudem werden bei 22 Prozent der Zulieferer keine konkreten Beschaffungsziele definiert. Eine fehlende Erfolgskontrolle stellten die Allensbacher dabei bei 43 Prozent der Unternehmen mit weniger als 50 Millionen Euro Umsatz fest. Ähnlich verhält es sich mit dem Thema Risikomanagement. Während große Zulieferer zu 47 Prozent über ein systematisches Risikomanagement verfügen, liegt die Vergleichszahl bei mittelgroßen Unternehmen nur bei 16 Prozent. Fast jeder dritte mittelgroße Zulieferer mit einem Jahresumsatz von unter 50 Millionen Euro verzichtet gänzlich auf Maßnahmen zur Begrenzung von Beschaffungsrisiken.

Um die Kostenziele in der Beschaffung zu erreichen, setzen drei Viertel der Unternehmen auf Nachverhandlungen mit den Lieferanten über bestehende Verträge. Jeweils zwei Drittel der Zulieferer arbeiten mit einer Vorgabe von Kostensenkungszielen beziehungsweise mit Wert- und Bestandsanalysen. Dabei sind es vor allem Zulieferer mit mehr als 50 Millionen Euro Umsatz, die sowohl Unterlieferanten Kostensenkungsziele vorgeben als auch auf Wert- und Bestandsanalysen setzen. Einkäufer von kleineren Unternehmen verhandeln hingegen häufiger bestehende Verträge nach.

Laut Allensbach arbeitet die Mehrheit der Lieferanten mit Schwerpunktlieferanten. Im Umgang mit ihren Lieferanten setzen die Unternehmen auf standardisierte Lieferantenbewertungen (85 Prozent), 70 Prozent auf die systematische Kontrolle der Unternehmen und 63 Prozent auf strategische Partnerschaften. Eine direkte Anbindung von Lieferanten an das eigene EDV-System haben dagegen bisher lediglich 38 Prozent der Zulieferer umgesetzt.

Ein „Cost-Breakdown-Tool“, also eine Software, mit der die Kosten eines Zulieferteils auf Grundlage seiner Einzelteile kalkuliert und so die vom Lieferanten geforderten Preise überprüft werden können, steht fast jeder zweiten Einkaufsabteilung (44 Prozent) zur Verfügung. Große Unternehmen bedienen sich sogar zu 61 Prozent dieses Instruments.

Kooperationen mit anderen Unternehmen in der Beschaffung sind unter Autozulieferern wenig verbreitet. Nur 18 Prozent der Unternehmen arbeiten beim Einkauf mit anderen Zulieferern „eng“ oder „sehr eng“ zusammen, beispielsweise, indem sie Einkaufskooperationen bilden. Wenn es um den Bereich Transport und Logistik geht, ist die Quote kooperierender Unternehmen sogar noch geringer. Hier arbeitet nur rund jedes neunte Unternehmen „eng oder sehr eng“ mit anderen zusammen. Insgesamt ist jedoch die Mehrheit der Zulieferer davon überzeugt, dass Einkaufskooperationen künftig relevanter werden (52 Prozent). Unter ihnen rechnen i Prozent sogar mit einem starken Bedeutungszuwachs. Diese Überzeugung herrscht vor allem unter den Einkaufsverantwortlichen großer Zulieferer vor.

Auch Gerd Kerkhoff, Gründer und Vorsitzender der Geschäftsführung der Unternehmensberatung Kerkhoff Consulting, rechnet damit, dass Kooperationen in der Zulieferindustrie zunehmen werden, weil sie „das Ergebnis logischer Überlegungen sind“. Dazu trage auch der Kostendruck in der Branche seinen Teil bei. Nach Einschätzung der Einkaufsverantwortlichen hat die Einkaufsabteilung im Unternehmen eine „große“ (52 Prozent) oder „sehr große“ Bedeutung (34 Prozent). Allerdings sieht sich derzeit rund die Hälfte der Einkaufsabteilungen „weniger stark“ oder sogar „kaum oder gar nicht“ in die Produktentwicklung im Unternehmen eingebunden. Für die Zukunft rechnen die Einkaufsleiter mit großer Mehrheit damit, dass der Stellenwert ihrer Abteilung im Unternehmen wachsen wird. Nur ein Prozent befürchtet einen Bedeutungsverlust.

Im wissenschaftlichen Kommentar zur Studie wird die Wahrnehmung einer zu geringen Einbindung des Einkaufs in den Produktentwicklungsprozess zusammen  mit der großen Bedeutung, die die Einkaufsverantwortlichen ihrer Abteilung beimessen, als Überschätzung der eigenen Bedeutung im Unternehmen gewertet.

Um für die künftigen Herausforderungen gewappnet zu sein, hat die deutliche Mehrheit der Einkaufsabteilungen mittelgroßer und großer Zulieferer entweder schon Maßnahmen durchgeführt (30 Prozent) oder konkrete Schritte geplant (22 Prozent). Insgesamt 38 Prozent der Einkaufsleiter halten die getroffenen Vorkehrungen jedoch nicht für ausreichend. Einen grundlegenden Änderungsbedarf in ihrer Abteilung sehen dabei aber nur 19 Prozent der Einkaufsverantwortlichen, weitere 74 Prozent gehen davon aus, dass kleinere Änderungen ausreichend sind. Derzeit wenden Zulieferer in der Regel nur einen „geringen“ (30 Prozent) oder einen nicht so großen (40 Prozent) Anteil des Budgets ihrer Einkaufsabteilung dafür auf, um sich an neue Herausforderungen anzupassen. Allerdings rechnet rund die Hälfte der Einkaufsleiter bei großen Zulieferunternehmen damit, dass der Budgetanteil in Zukunft steigen wird.

Insgesamt legen die Unterschiede zwischen mittelgroßen und großen Zulieferern den Schluss nahe, dass unter den Einkaufsverantwortlichen mittelgroßer Zulieferer zwar verbreitet Unbehagen zu spüren ist, für die zukünftigen Aufgaben noch nicht gerüstet zu sein. Aber sowohl ein klarer strategischer Blick auf die Herausforderungen, der über das operative Thema Preise und Kostendruck hinausgeht, als auch eine Einsicht in die Notwendigkeit von Konsequenzen sind weniger stark ausgeprägt als unter den Einkaufsleitern großer Unternehmen. Dabei reicht das Zeitbudget der Einkäufer nur in den wenigsten Fällen dafür aus, sich angemessen mit den künftigen Herausforderungen auseinanderzusetzen.

Zu den wichtigsten Empfehlungen für Einkäufer bei Zulieferunternehmen zählen nach Angaben der Autoren des wissenschaftlichen Kommentars:

  • Die Herausforderungen an die Zulieferbranche sollen nicht nur als Problem der „anderen“, sondern auch als Chance für das eigene Unternehmen begriffen werden. Gerade in Zeiten großer Herausforderungen können Unternehmen durch vorausschauendes Handeln Wettbewerbsvorteile erzielen.

  • Um zusätzliches Kosteneinsparpotenzial zu erschließen, sollten unternehmensübergreifende Maßnahmen des Supply-Chain-Managements - wie beispielsweise Einkaufskooperationen oder unternehmensübergreifende Zusammenarbeit bei Transport und Logistik - gestärkt werden.

  • Die Einbindung des Einkaufs in die Entwicklung und die Produktion sollte in vielen Unternehmen intensiviert werden. Hierbei lässt sich durch den Einsatz von sogenannten Cost-Breakdown-Tools die Materialstruktur nachhaltig positiv verändern.

  • Zur Bewältigung der zukünftigen Herausforderungen sind den Einkaufsverantwortlichen ausreichend Zeit und Budget zur Verfügung zu stellen. Dem Einkauf muss in der Autozulieferindustrie die Bedeutung beigemessen werden, die ihm aufgrund seiner He belwirkung auf den Umsatz faktisch zusteht.

Gerd Kerkhoff ist davon überzeugt, dass sich durch die Wirtschaftskrise das Verhältnis zwischen Zulieferern und Automobilherstellern verändert hat. „Die Fahrzeughersteller haben gemerkt, dass sie in Bezug auf überzogene Konditionierungen das Überleben von Zulieferern gefährdet haben, die sie ja zwingend für ihren eigenen Produktionsprozess brauchen.“ Der Chef der Unternehmensberatung ist jedoch skeptisch, dass das Umdenken in der Branche wirklich nachhaltig ist. Es sei durchaus möglich, dass sich einige Einkäufer künftig auch wieder ihrer Einkaufsmacht besinnen, wenn es darum geht, einen Vorteil fürs Unternehmen „herauszukitzeln“.

Doch insgesamt registriert Kerkhoff bei vielen Zulieferern, dass sie sich ihrer Stärke gegenüber den Fahrzeugherstellern bewusster sind als vor der Krise und daher gestärkt in Preisverhandlungen gehen. Frei nach dem Grundsatz: Als Zulieferer kann ich ohne Aufträge der Fahrzeughersteller nicht überleben, ohne einen gesunden Deckungsbeitrag für die Zulieferer bekommt der Hersteller aber auch ein Problem.